Von 63 Sekunden lasse ich mir den coolsten Lauf nicht verderben oder Erfolg – was ist das eigentlich? 

»Viel Erfolg!« - das wünschten mir meine Familie und Freunde vor meinem Halbmarathon am 19. April 2015 in Hannover.


Ein Grund mehr, das Thema »Erfolg« einmal genauer zu betrachten. Erfolg bedeutet nach einer allgemeinen Definition »Art und Grad der Zielerreichung«.


Ja, das Ziel wollte ich unbedingt erreichen. Das war mein Minimal- oder auch eisernes Ziel: Nach 21,195 km anzukommen. Und im Idealfall sollte es unter meiner persönlichen Schallmauer von 2 Stunden liegen. Meine persönliche Bestzeit als junger Hüpfer vor 10 Jahren stand außer Frage.


Die Art der Zielerreichung war für mich irgendetwas zwischen »alles geben«, »lächelnd ins Ziel kommen« und »möglichst viel Spaß haben und die Stimmung aufsaugen«. Zusammen mit einem Freund und ohne Musik im Ohr (ein Novum für mich!) haben wir uns auf den Weg gemacht und uns gegenseitig gezogen. 

Und es war fantastisch! Die ersten 15 km vergingen wie im Flug, wir wurden angefeuert, haben selbst die Zuschauer zum Anfeuern angefeuert und uns bei jeder Trommlergruppe lauthals bedankt. Machten Scherze am laufenden Band, verlangten nach Pizza und Sauerkraut bei den Verpflegungsstellen und bekamen doch nur Wasser und Energiegels. Es waren die coolsten, schönsten, emotionalsten 15 km, die ich je gelaufen bin. Nicht zu vergessen die Stimmung in einem Tunnel mit fantastischen Klatsch- und Anfeuerungsgekreische der Läufermasse. Wahnsinn!

 

 

Ab km 15 verflog die Leichtigkeit bei mir und die inneren Gespräche zwischen Körper und Kopf nahmen zu, gepaart durch zackige Ansagen meines persönlichen »Pacemakers«, ich solle jetzt doch endlich mal die Pobacken zusammen kneifen, den Kopf ausschalten und die Füße hochheben – na danke... weit gefehlt, »Flasche leer«. Ohne ihn wäre ich sicherlich ein paar Meter gegangen oder hätte mich in die U-Bahn gesetzt. Die Ente ist hinten fett haben wir am Anfang gesagt. Ich hatte wohl zu viel Begeisterung am Anfang auf der Strecke gelassen und so war die Ente bei meinem Ende am verhungern.

 

 

Irgendwie kam ich dann doch ins Ziel, 63 Sekunden über meinem Idealziel, aber gesund und glücklich. Scherzhafte »Aber du wolltest doch unter zwei Stunden laufen!?« lächelte ich weg. Denn mehr ging nicht: Mehr Stimmung aufnehmen und auch nicht mehr schneller laufen zum Schluss. 


War ich nun erfolgreich? Ja. Ich hatte die beste Art der Zielerreichung seit langem, habe die Stimmung aufgesogen und habe mein Minimalziel erreicht wenn nicht sogar übertroffen. Letztendlich stand ich vor der Frage: Quäle ich mich jetzt bis zum Umfallen, nur um unter 2:00 Stunden zu bleiben? Oder schraube ich meine Ansprüche herunter? Aus Liebe und Respekt zu meinem Körper und weil ich mit einem halbwegs freundlichen Gesicht ankommen wollte, habe ich Alternative zwei gewählt.

  

Und ich glaube, die Frage welche Ziele wir erreichen wollen und vor allen Dingen, WIE wir Ziele erreichen wollen, sollten wir uns öfter im Alltag stellen. Wir könnten auch »Art« als englisch begreifen und über die Kunst der Zielerreichung sprechen, das macht es noch kreativer. 

Welche Ziele sind realistisch für MICH? Hier geht es auch um Akzeptanz der eigenen Grenzen und individuellen Stärken. Sowohl im Tagesverlauf als auch in der Wochenplanung oder auf ein paar Jahre bezogen. Wenn ein Tag voller Termine ist, brauche ich mich nicht noch mit Konzeptarbeit zu quälen. Und als Hobbysportlerin brauche ich mir auch nicht vormachen, ganz vorne mitzulaufen. 

 

Und die Quäl-Fragen sind wichtig, denn wie oft quälen wir uns, weil wir denken "das muss doch so" - aber wer sagt denn das? Wie weit möchte ich mich quälen? Was ist die eigene Schmerzgrenze? Was ist wichtiger: die Art wie wir Ziele erreichen? Oder den Grad der Zielerreichung? Wie hoch setzen wir die Ziele?

 

Eine gute Freundin schrieb mir gestern morgen eine SMS und wünschte mir »ein genussvolles Erfolgserlebnis« - das find ich gut, denn solange wir noch genießen können, quälen wir uns nicht! Also, seien wir nicht so streng mit uns selbst, lassen wir die Zügel mal ein wenig lockerer und genießen Weg. Dann sind 63 Sekunden auch egal, denn die Art ist viel wichtiger. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Mirko (Montag, 20 April 2015 21:51)

    TOLLE LEISTUNG - Respekt! !