Zuhören: Mehr als ein Führungsinstrument || Listen up: More than a management tool

Zuhören: Mehr als ein Führungsinstrument || Listen up: More than a management tool

(English Version below) Kenn ich doch schon. Komm zum Punkt. Ich langweile mich. Was willst du mir Neues erzählen? … so geht es mir, als ich vor kurzem einen Vortrag zuhöre. Und ich gebe zu, manchmal geht es mir auch so in Gesprächen. Wobei zuhören vermutlich der falsche Begriff ist. Denn zugehört habe ich nicht. Was darauf folgt? Nicht nur ich als vermeintlicher Zuhörer bin unzufrieden, genervt, demotiviert und enttäuscht, sondern auch die Person, die sich nicht gehört fühlt. Was habe ich statt dessen gemacht, wieso fällt mir bzw. uns allen zuhören so schwer und wozu ist zuhören gut? Persönliche Beobachtungen und Hypothesen zu einem völlig unterschätzten Thema.

Zuhören was ist das? Ein Definitionsversuch und Begriffsbestimmung

Zuhören – ein Begriff und eine „Technik“, die in jedem Kommunikationsbuch und Seminar vermittelt wird. Ein alter Hut. Doch was ist es? Und was ist es nicht? Im Duden steht „Aufmerksamkeit zuwenden“ bzw. „mit Aufmerksamkeit hören“. Im ersten Moment finde ich diese Definitionen nicht aussagekräftig. Im zweiten Moment doch.

Es ist der feine Unterschied zwischen hören und zuhören.

Hören ist beiläufig, passiv, ich höre Radio, ich höre ein Gespräch. Zuhören erfordert eine aktive Zuwendung auf etwas zu, eine innere Ausrichtung des Hörenden auf eine andere Person, auf ein Thema. Der Fokus verändert sich. Beim zuhören bin ich mehr beim Anderen als bei mir. Zuhören erfordert ein Loslassen von den eigenen Themen und ein Einlassen auf etwas Neues.

Hört sich einfach an. Ist es das auch? Nein. Und ja.

Zuhören – Wieso fällt es uns so schwer?

Ich behaupte, dass wir verlernen, uns und anderen zuzuhören. Die Gründe für meine These sind folgende Beobachtungen:

  • Es gibt zahlreiche Bücher und Seminare zu den Themen Verkaufen, Präsentieren, Keynotes halten. Suche ich nach Büchern und Seminaren zum Thema Zuhören, finde ich kaum etwas.
  • Unsere Welt nehme ich als sehr „sendungsorientiert“ wahr: Die Medienvielfalt und -Breite nimmt stetig zu. Es bedarf eines sehr hohen Maßes an Selbstdisziplin, um einmal keine (sozialen) Medien zu konsumieren.
  • Die Welt wird gefühlt für mich immer lauter, insbesondere in den sozialen Netzwerken. Wer gehört werden will, „schreit“ immer wilder – postet mehr Beiträge bzw. mehr polarisierende Beiträge.

Mir kommt es so vor, als wird ein Ideal verkörpert, welches sehr aktiv und extravertiert ist. Wir haben ein Problem? Dann lass mal bei google suchen oder externe Berater engagieren. Denn dann machen wir ja was, dann sind wir aktiv und vermeintlich produktiv.

Zuhören ist aktiver und produktiver als wir meinen

Zuhören ist zurückhaltend, leise und still. Doch können wir Stille überhaupt noch zulassen? Oder neigen wir dazu, jede Form der Stille sofort zu füllen – mit Worten, mit dem Zücken des smartPhones, Checken der neuesten Beiträge auf LinkedIn oder Instagram?

Zuhören will nichts. Zuhören meint, sich mutig auf das Einlassen, was im vom Anderen kommen mag. Die Kontrolle über das Gespräch abgeben, weil ich nicht gleich meine im Kopf vorgefertigten Bausteine in das Gespräch hineingebe. Stattdessen warte ich ab. Merke, dass ich vorgefertigte Meinungen habe und schiebe sie wieder weg. Bleibe still und neugierig. Lasse los. Und das ist vermutlich aktiver und produktiver als am eigenen, inneren Dialog festzuhalten.

Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, dass ich es als zu wenig empfinde, wenn ich nur zuhöre. Ich fühle mich dann unproduktiv. Und genau das ist das Paradox im Kopf glaube ich. In der Leistungsgesellschaft fühle ich mich eher so, dass ich auf Produktivität im Sinne von sichtbaren Ergebnissen und Aktionen getrimmt bin. Da passt so etwas wie ein scheinbar passives Zuhören nicht ins Bild.

Dass ich einem Menschen damit helfe, dass ich „nur“ zuhöre, fühlt sich schräg an. Ich muss doch Antworten haben und den Prozess beschleunigen. Gleichzeitig merke ich, wenn mir jemand voll umfänglich zuhört, fühlt es sich nicht nur fantastisch an. Darüber hinaus bekomme ich wertvolles Feedback, was der andere gehört hat und wenn ich mir selbst im Dialog zuhöre, entfalten sich neue Gedanken, Gefühle und es entstehen neue Verbindungen in mir, die ich bisher so noch nicht gesehen habe. Zuhören ist sehr wirkungsvoll. Es bringt in Kontakt – die Menschen, die sich zuhören und vor allem dem Menschen, dem zugehört wird. Mit sich selbst, mit seinem Körper, mit seiner Intuition, mit den Zukunftsmöglichkeiten. Zwischen den Menschen vertieft sich die Beziehung. Es entsteht Vertrauen, denn wir fühlen uns im Zuhören gesehen.

Vor ein paar Tagen las ich ein Zitat, was ich unglaublich treffend fand und mir innerlich für den Kopf die letzte notwendige Lizenz zum Zuhören gibt:

"Die Fähigkeit, für andere da zu sein und ihnen zuzuhören, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die eine Führungspersönlichkeit haben kann. Sie ruft das Beste im Menschen hervor, indem sie ihm erlaubt, das auszudrücken, was in ihm steckt. Wenn mir jemand zuhört, wenn ich sage, was ich fühle, dann erhalten meine Gefühle Substanz und Richtung, und ich kann handeln. ... Sein Zuhören ermöglichte es mir, meine Gedanken zu entwickeln. ... Er schenkte mir seine volle Aufmerksamkeit, als ob in diesem Moment nichts anderes wichtig wäre. Je mehr er zuhörte, desto mehr konnte ich mich ausdrücken und desto sicherer wurde ich in dem, was ich sagte.” Joseph Jaworski in „Synchronocity“

Zuhören in Organisationen: Wieso es immer wichtiger wird

Im virtuellen CoffeeTalk über das Thema Haltung fragt mich David Cummins, wieso ich meine, dass Zuhören im Arbeitskontext immer wichtiger wird. Starre Teams werden seltener. Die Zusammenarbeit wird vernetzter, flexibler, agiler. Es ist erwiesen, dass Menschen, die sich in der Zusammenarbeit im Team und mit der Führungskraft wohl fühlen, motivierter und produktiver sind. Ein erwachsenes Miteinander ist erfolgsentscheidend. Wenn wir erwachsen kommunizieren, Feedback geben und nehmen, konstruktiv im Sinne der Organisationsziele agieren, kommen wir viel weiter, als wenn Schuldige gesucht und Selbstverantwortung und Mitverantwortung abgelehnt wird. Konflikte und Unstimmigkeiten werden schneller geklärt. All dies sollen Instrumente wie Dailies, Retrospektiven und übergeordnete Themen wie zum Beispiel eine Feedback-Kultur unterstützen. Zuhören ist die Basis all dessen. Wie geht es?

Zuhören: Mehr als eine Technik – 3 Haltungen des Zuhörens

Als ich mich beim Zuhören des Vortrages dabei ertappe, dass ich nicht zuhöre, stoppe ich mich innerlich. Setze mich innerlich auf ein „Reset“. Ich aktiviere meine innere Neugierde und merke, wie interessiert ich auf einmal bin. Mit Neugierde zuzuhören ist etwas, was ich vor ein paar Wochen in meiner Weiterbildung „Facilitate Theorie U“ bei Christine Wank gelernt habe. Dort übten wir, mit drei unterschiedlichen Haltungen zuzuhören:

  • Haltung der Neugierde (Kopf): Was höre ich sachlich, was sind Zahlen, Daten, Fakten?
  • Haltung des Mitgefühls (Herz): Was spüre ich emotional, körperlich, wenn ich zuhöre? Wie fühle ich mich, wenn ich mich die Situation des Anderen hineinversetze?
  • Haltung der Couragiertheit (Hand): Wie entschlossen fühlt sich das Gesagte an? Welches Potential höre ich heraus?

Wir alle empfanden die Übungen dazu als phänomenal. Sowohl in der Rolle als Zuhörers als auch als die Person, die dann aus den einzelnen Haltungen heraus Feedback bekam. Dies bestätigen mir seit dem auch meine Teilnehmer in (Online)Workshops, wie wirkungsvoll es ist. Wieso? Die komplette Aufmerksamkeit ist bei der Person, die etwas sagt. Die Zuhörer haben einen klaren Fokus. Die eigenen Gedanken und das eigene Ego hat wenig Platz. Ebenso wenig ist der Zuhörer mit Fragetechniken und sonstigen Techniken des aktiven Zuhörens beschäftigt. Statt dessen geht es um eine Grundeinstimmung vor dem Gespräch, um dann im Gespräch komplett da und wach zu sein.

„Die Qualität meines Zuhörens gestaltet mit, wie sich ein Gespräch entfaltet.“ mein Otto Scharmer, Mitentwickler der Theorie U.

Ich möchte dich ermutigen, mehr zuzuhören. Dir selbst, deiner inneren Stimme, deinem Körper. Einfach mal ein zwei Minuten still sein, nach innen lauschen – mit einer inneren Haltung der Neugierde und uns selbst gegenüber vor allen Dingen des Mitgefühls.

Und höre mehr anderen zu. Experimentiere mit den drei möglichen Haltungen, mit denen du in ein Gespräch gehen kannst. Mach dich innerlich leer. Es geht nicht um dich, es geht um den Anderen. Zumindest für ein paar Minuten.

Was sind deine Erfahrungen mit dem Thema in deinem Arbeitskontext? Schreib mir per E-Mail (kontakt@ankevonplaten.de) oder hinterlass einen Kommentar.

Findest du, wir sollten mehr zuhören? Dann teile den Artikel sehr gern in deinen Netzwerken. Danke!


Quellen: 

Foto: privat, in der Oper in Oslo 

Otto Scharmer: "Essentials der Theorie U - Grundprinzipien und Anwendungen", S. 33

Joseph Jaworski "Synchronicity - The inner path of leadership"

Christine Wank, bei der ich "Facilitate Theorie U" lerne

Ein Artikel und Austausch von und mit Tanja Misiak, eine Mitlernende im Prozess, ist mit Inspirationsquelle rund um das Thema Zuhören. 


***** ENGLISH VERSION ************

LISTEN UP: MORE THAN A MANAGEMENT TOOL

I've seen it before. Get to the point. I'm bored. What do you want to tell me about it? ... that's how I felt when I listened to a lecture the other day. And I admit, sometimes I feel the same way in conversations. But listening is probably the wrong term. Because I was not listening. What follows? Not only am I, as a supposed listener, dissatisfied, annoyed, demotivated and disappointed, but also the person who doesn't feel heard. What did I do instead, why is listening so difficult for me or all of us and what is listening good for? Personal observations and hypotheses on a completely underestimated topic.

Listening - what is that? An attempt at definition and definition of terms

Listening - a term and a "technique" that is taught in every communication book and seminar. An old hat. But what is it? And what is it not? The dictionary says "to turn attention to" or "to listen with attention". At first sight I do not find these definitions meaningful. In the second moment they do.

It is the fine difference between hearing and listening.

Hearing is casual, passive, I listen to the radio, I listen to a conversation. Listening requires an active attention to something, an inner orientation of the listener towards another person, towards a topic. The focus changes. When I listen I am more with the other person than with myself. Listening requires letting go of one's own issues and getting involved in something new.

Sounds simple. Is it? No. And yes.

Listening - Why is it so difficult for us?

We are losing our ability to listen to ourselves and to others. The reasons for my thesis are the following observations:

  • There are numerous books and seminars on selling, presenting, giving keynotes. If I search for books and seminars on the subject of listening, I hardly find anything.
  • I perceive our world as very "broadcast-oriented": the variety and breadth of media is constantly increasing. It requires a very high degree of self-discipline to avoid consuming (social) media for once.
  • The world is getting louder and louder for me, especially in the social networks. Those who want to be heard are "shouting" more and more wildly - posting more articles or more polarising contributions.

It seems to me as if an ideal is embodied, which is very active and extraverted. We have a problem? Then let's search on google or hire external consultants. Because then we do something, then we are active and supposedly productive.

Listening is more active and productive than we think

Listening is restrained, quiet and still. But can we allow silence? Or do we tend to fill every form of silence immediately - with words, with the pull of the smartPhone, checking the latest posts on LinkedIn or Instagram?

Listening is not what we want. Listening means being courageous in accepting what may come from others. Giving up control over the conversation, because I don't immediately put my ready-made building blocks into the conversation. Instead I wait and see. I notice that I have ready-made opinions and push them away again. Remain silent and curious. Let go. And that is probably more active and productive than holding on to your own inner dialogue.

I find myself again and again that I find it too little, not productive enough, if I just listen. I then feel unproductive. And that is exactly the paradox in my head, I think. In the achievement-oriented society I feel more like I am trimmed for productivity in terms of visible results and actions. Something like seemingly passive listening does not fit into the picture.

That I help a person by "just" listening feels weird. I must have answers and speed up the process. At the same time, I notice that when someone listens to me fully, it doesn't just feel fantastic. I also get valuable feedback on what the other person has heard and when I listen to myself in dialogue, new thoughts, feelings and connections unfold in me that I have never seen before. Listening is very effective. It brings in contact - the people who listen to each other and especially the person who is listened to. With themselves, with their body, with their intuition, with their future possibilities. The relationship between people deepens. Trust develops, because we feel seen in listening.

A few days ago I read a quotation which I found incredibly apt and which gives me the last necessary licence for my head to listen:

„Just being able to be there for others and to listen to them is one of the most important capacities a leader can have. It calls forth the best in people by allowing them to express what is within them. If someone listens to me say what I am feeling, then my feelings are given substance and direction, and I can act. … His listening allowed me to develop my thoughts. … gave me his full attention, as if nothing else mattered in that moment. The more he listened, the more I was able to express myself and the more certain I became about what I was saying.” Joseph Jaworski

Listening in organisations: Why it becomes more and more important

In the virtual CoffeeTalk on the subject of attitudes, David Cummins asks me why I think listening is becoming increasingly important in the work context. Rigid teams are becoming rarer. Cooperation is becoming more networked, more flexible, more agile. It has been proven that people who feel comfortable working in a team and with the manager are more motivated and productive. Adult cooperation is crucial to success. When we communicate as adults, give and take feedback, act constructively in the sense of the organisation's goals, we get much further than when we look for culprits and reject self- and co-responsibility. Conflicts and discrepancies are resolved more quickly. All this is to be supported by instruments such as dailies, retrospectives and overarching themes such as a feedback culture. Listening is the basis of all this. How does it work?

Listening: More than one technique - 3 attitudes of listening

When I find that I am not listening while listening to the lecture, I stop myself inwardly. I sit down and press on the "reset" button. I activate my inner curiosity and notice how interested I suddenly am. Listening with curiosity is something I learned a few weeks ago in my master class "Facilitate Theory U" with Christine Wank. There we practised listening with three different attitudes:

  • Posture of curiosity (head): What do I hear factually, what are numbers, data, facts?
  • Attitude of compassion (heart): What do I feel emotionally, physically when I listen? How do I feel when I put myself in the other person's situation?
  • Attitude of courage (hand): How determined does what is being said feel? What potential do I hear?

We all found the exercises phenomenal. Both in the role of the listener and as the person who then received feedback from the individual perspectives. Since then, my participants in (online) workshops have confirmed how effective it is. Why? The complete attention is with the person who says something. The listeners have a clear focus. The own thoughts and ego have little room. Nor is the listener occupied with question techniques and other techniques of active listening. Instead, it is a matter of a basic mood before the conversation, in order to be completely present and awake during the conversation.

"The quality of my listening helps to shape how a conversation unfolds", says Otto Scharmer, co-developer of the Theorie U.

I would like to encourage you to listen more. To yourself, your inner voice, your body. Just be quiet for two minutes, listen inwardly - with an inner attitude of curiosity and towards ourselves, above all, of compassion.

And listen more to others. Experiment with the three possible attitudes with which you can go into a conversation. Make yourself empty inside. It is not about you, it is about the other person. At least for a few minutes.

What are your experiences with the topic in your working context? Write me by e-mail (kontakt@ankevonplaten.de) or leave a comment.

Do you think we should listen more? Then share the article with pleasure in your networks. Thanks!

Sources:

Otto Scharmer: "Essentials of Theory U - Basic Principles and Applications", p. 33

Joseph Jaworski "Synchronicity - The inner path of leadership

Christine Wank, with whom I learn "Facilitate Theory U

An article and exchange by and with Tanja Misiak, a fellow learner in the process, is a source of inspiration around the topic of listening. 

picture: private - within the Opera House in Oslo 

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