„Wie geht bewertungsfreies Zuhören, wenn du etwas hörst, das für dich ethisch nicht in Ordnung ist?“ Diese Frage stellt mir Tanja bei einem Walk & Talk im Dezember. In meinen Zuhörtrainings ist mir das so noch nicht begegnet.
Wenige Tage später sitze ich mit drei Generationen meiner Familie am Weihnachtstisch. Irgendwann geht es – wie so oft – um Politik. Ich höre zu. Und höre vor allem Beschwerden. Pauschale, stark polarisierende Aussagen wie „Hier ist doch nichts mehr gut“ oder „KI ist nur schlecht“ lassen meinen Puls steigen. Ein klares Signal: Ich stecke mitten im Drama-Dreieck.
Weiter zuhören geht für mich nicht mehr. Inhalt und Ton empfinde ich als schwierig. Also frage ich nach. Ist wirklich gar nichts gut? Mein Mann und ich bringen Fakten ein, suchen einen gemeinsamen Nenner, wollen weg von reiner Stimmung. Das gelingt nur begrenzt.
Wir fahren frustriert nach Hause. Und nachdenklich. Nicht nur wegen der fehlenden Offenheit für Fakten – sondern wegen unserer Verantwortung gegenüber der jüngsten Generation am Tisch. Wir sind Vorbilder. In dem, wie wir sprechen. Und wie wir uns zuhören.
Wie ich, wie wir kommunizieren und zuhören, wirkt sich aus. Positiv oder negativ. Ich habe nach diesem Abend an Dunja Hayali gedacht. In einer Dankesrede sagte sie einmal sinngemäß: Wer wollen wir sein? Welche Gesellschaft wollen wir sein?
Ich kann nicht kontrollieren, was andere denken oder sagen. Aber ich kann entscheiden, ob und wie ich zuhöre. Dass und was ich nachfrage. Und ich darf sagen, wo meine Grenze ist. Ich kann kontrollieren, wann und wo ich die Courage habe und Haltung zeige, in dem ich sage: Halt!
Halt! Ich möchte ausreden. Ich möchte ruhig sprechen. Ich möchte mit meiner Position gehört werden. Ich finde es wichtig, dass wir verschiedene Perspektiven sehen.
