Laufen als Lebensmetapher: Warum Akzeptanz stärker macht als Widerstand

Anke Von Platen Laufen als Lebensmetapher

„Was macht das Laufen? Du schreibst seit langem nicht mehr darüber …“ höre ich in letzter Zeit häufiger. Daher kommt jetzt ein Laufbericht. Und ja, es hat auch diesmal was mit dem echten Leben zu tun: Das Auf und Ab akzeptieren. Den Prozess akzeptieren und genießen – statt dagegen anzukämpfen. 

Screenshot

Am Sonntag 1. Februar 2026 treffe ich mich morgens um 8:00 Uhr mit knapp 40 anderen Verrückten am Nienstädter Pass im Deister. Es liegt Schnee, viel Schnee und es liegen mindestens 42,2 Kilometer „Arschgeweih Marathon“ vor uns. Und es ist unfassbar ar*** kalt. Das Streckenprofil sieht aus wie ein Geweih, das Höhenprofil wie ein munteres Auf und Ab. Eine meiner Laufapps sagt mir, dass die Strecke mit ihren 1.300 Höhenmetern einem 55 Kilometer Lauf im Flachen entspricht. Na gut. Das Ganze ist für mich ein Trainingslauf, Mitte März steht mein Frühjahrshighlight an: Ich möchte 50 Kilometer flach und schnell beim Werderseelauf in Bremen laufen. Mein Motto ist dementsprechend: Ruhig und gesund bleiben. Ich laufe nur so schnell, dass ich es angenehm finde. Von Anfang an steht für mich fest, dass ich bergauf den Großteil gehe und es bergab laufen lasse. Mal schauen, was so geht. Realistisch rechne ich damit, dass ich heute 6 Stunden brauchen werde. Schließlich liegt Schnee, viel Schnee. Und die wenigster Meter sind geräumt. Statt dessen knarscht es herrlich unter den Füßen. Berghoch ist es rutschig „wie auf einer Sanddüne und bergab gilt es einfach nur, sich nichts zu brechen“ fasst es eine Laufkollegin später treffend zusammen. Dennoch: ich genieße es, herrliche Luft, entspannte Mitläufer, ein sicheres Gefühl dank „Grödel“ (Schneeketten für die Füße, mein erstes Mal!) und eine traumhafte Winterlandschaft. 

Es geht auf und ab. Es ist ein einziges Fußgelenkstraining. Doch wenn ich eines in den letzten drei Jahren durch mein Ultralaufen gelernt habe, dann ist es gut mit meiner psychischen und körperlichen Energie umzugehen. Der Trick: den Prozess, diesen Lauf mit den schwierigen Umständen zu akzeptieren. Ist anstrengend? Gehört dazu. Es geht langsamer als gedacht? Auch damit habe ich gerechnet. Es sind Loipen gespurt? Super! Doch nicht gut für die Laufspuren daneben. Mein Kopf kann nicht allzu viel nachdenken, grübeln, reflektieren oder sich aufregen. Er ist genug damit beschäftigt, dass ich einen Schritt vor den nächsten setze ohne umzuknicken. Also überlasse ich meinem Körper und vor allem den Beinen das Kommando. Höre meinem Körper mehr zu als meinen inneren Stimmen: Hey Beine, wie geht’s euch nach 35 Kilometern? Sehr gut, lass uns laufen! Und so laufe ich die letzten Anstiege immer mal wieder statt sie wie geplant zu gehen. Kann die letzten zwei Kilometer sogar noch einen Zahn zulegen und gebe leicht bergab so richtig Gas und mache ein Wettrennen mit ein paar Schlittenfahrern. Nach 5 Stunden und 33 Minuten bin ich im Ziel, super happy und entspannt. 

Gestern, zwei Wochen später, steht der nächste lange Lauf an. Es ist trocken, kalt und sonnig. Ich laufe im Flachen. Schnell. Es läuft. Ich akzeptiere das Training, nein mehr: ich genieße es, ich genieße den Prozess. Und zwischendurch, als es schwerer wird mit dem Genießen, akzeptiere ich, dass die Beine weh tun. Dass ich keine Lust mehr habe. Gehört dazu. 

Das Motto „den Prozess akzeptieren“ praktiziere ich bewusst seit zwei Jahren, seit meinem legendären „Matsch-Lauf“. Für mich ist das Laufen die beste Persönlichkeitsentwicklung. Ich lerne so viel dabei, weil es für mich das Leben verkörpert. 

Den Prozess zu akzeptieren meint für mich nicht, alles hinzunehmen oder zu resignieren. Sondern zu erkennen: Ja, das ist anstrengend. Ja, das tut weh. Ja, es nervt. All meine Gedanken und Emotionen dürfen sein. Sie gehören dazu. 

War es vor zwei Jahren noch eine bewusste Übung, fühlt es sich aktuell schon wie Routine an. Beim Arschgeweih Marathon und in vielen anderen Situationen wird aus Widerstand Gelassenheit – und aus Gelassenheit Kraft und Vertrauen in mich und den Prozess. 

Auch im Joballtag gibt es Phasen, die sich anfühlen wie Kilometer 30 im Schnee: administrative Aufgaben, die keinen Spaß machen, Konflikte, die Energie rauben, Rückschläge, die wehtun. Doch genau wie beim Laufen gilt:

  • Rückenwind kommt und geht. Genieße ihn, wenn er da ist.
  • Gegenwind und Regen gehören dazu. Kämpfst du dagegen an, verlierst du nur Kraft. 
  • Das Höhenprofil des Lebens hat steile Anstiege – und atemberaubende Aussichten. Dazwischen gilt es manchmal einfach nur Strecke zu machen. Schritt für Schritt.

Es ist einfach eine Illusion und eine überhöhte Vorstellung, dass das Leben nur aus dem besteht, was gut ist, was Spaß macht, was einfach ist. 

Das Leben selbst hat ein Höhenprofil. Es geht auf und ab. Das Wetter wird unterschiedlich sein. Mal geht es leicht, weil wir Rückenwind haben. Dann kommen steile Passagen. 

Dass so ein langer Lauf weh tut, ist von Anfang klar. Dass es irgendwann schwierig wird, ebenfalls. Dass irgendwas dazwischen kommt, damit rechne ich fest bei einem Ultralauf. Es ist somit ein super Training für das restliche Leben. Für den Umgang mit dem Unkontrollierbaren. Die Akzeptanz von Prozessphasen, die unangenehm sind. 

Probiere es einfach mal aus: Nimm die nächste unangenehme Phase nicht als Feind, sondern als Teil des Weges. Was verändert sich? 

PS: der aufmerksame Leser siehst du im Screenshot der Strecke „50 km“. Es gab die Möglichkeit, nach dem Marathon noch eine „kleine extra Runde“ mit weiteren 250 Höhenmetern zu laufen. Darauf habe ich bewusst verzichtet, ich wollte es mal nicht übertreiben 😉 und zw

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