Die innere Haltung verstehen und verändern – oder die Geschichte vom Lagerkoller, Laufen und dem Lizard

Die innere Haltung verstehen und verändern – oder die Geschichte vom Lagerkoller, Laufen und dem Lizard

„So lange ich laufen gehen kann ist alles gut.“ Das ist nicht nur mein Motto für diese besondere C-Zeit. Darüber hinaus war es mein Credo für die Weihnachtspause. Denn: Unser Haus wurde zum all inklusive Familienhotel. In der Hochsaison hatten wir meine Bonustochter und ihren Freund aus den USA zu Besuch, 16 Tage. Ich lief fast täglich. Nicht nur um dem tatsächlichen Lagerkoller zu entgehen, sondern um für mindestens eine Stunde meine Ruhe und meinen Raum zu haben. 

Doch ist Laufen immer die Lösung, wenn es mal nicht so läuft? Nein. Was hat die innere Haltung mit den äußeren Umständen zu tun und wie kann ich die innere Haltung verändern? Ich habe für mich ein paar Antworten gefunden – und einen Trick, wie ich die innere Haltung innerhalb kürzester Zeit verändern kann.

Innere Haltung verstehen: Definition

Was ist überhaupt eine innere Haltung? Rein körperlich erkennen wir äußerlich eine Haltung: Wie stehe ich, wie gehe ich, wie sitze ich. Körperlich gibt es sicherlich eine anzustrebende „gute“ Haltung – aufrecht und zugewandt. Wie steht es um die innere Haltung? Schließlich wird der Begriff gefühlt an jeder Ecke genutzt. 

Im Wort Haltung steckt das Wort Halt, Halt haben. Ein Mensch mit einer guten Haltung findet in sich Faktoren, die ihm Halt geben. Ich halte mich innerlich an etwas fest. Ich habe eine innere Struktur, die mir Halt gibt. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein:

• persönliche Werte,

• Routinen,

• die eigene Spiritualität,

• die eigenen Lebenserfahrungen und

• individuellen Stärken.

Die innere Haltung hängt zusammen mit einer Position, die ich mir oder meinem Umfeld gegenüber einnehme. Ein Mensch mit Haltung sagt "Ja!" oder auch "Halt! Stopp! – bis hierher und nicht weiter". Jemand mit Haltung hält Widerstände aus. Die Person ist in sich stabil.

Darüber hinaus gibt es drei allgemeine Merkmale einer guten Haltung:

  1. Aufrecht und aufrichtig: Die Person agiert selbstverantwortlich.
  2. Mit dem Herzen nach vorne: Die Person ist herzlich und menschlich in der Begegnung. Sie agiert konstruktiv und lösungsorientiert in die nahe Zukunft gerichtet.
  3. Kleinste Schritte: Das Verhalten ist konsistent, insbesondere in Kleinigkeiten.

Diese drei Faktoren einer guten Haltung sind unabhängig von den persönlichen Faktoren, die einem Halt geben. Sie beschreiben grundsätzliche Verbindungen, wie wir ins Leben und in Beziehungen gehen.

Innere Haltung und äußere Umstände: wieso eine innere Haltung immer wichtiger wird

Haltung gibt Halt.

Je haltloser unsere Umgebung und die Rahmenbedingungen werden, umso wichtiger ist eine möglichst stabile innere Haltung. Denn: Wir alle haben ein starkes, psychisches Bedürfnis nach Struktur. Struktur meint in diesem Kontext, dass wir Geschehnisse, Informationen und Menschen in eine für uns logische Struktur einordnen können. Je berechenbarer und verbindlicher wir unser Umfeld empfinden, umso besser fühlen wir uns. Reduzieren sich nun Strukturen und empfinden wir die Situation weniger berechenbar, benötigen wir umso mehr den Halt und die Struktur von innen.

Über den Wandel der Arbeitswelt und wieso wir umso mehr eine gute innere Struktur und Haltung benötigen hatte ich vor einem Jahr berichtet. Die Entwicklungen mit Covid-19 verschärfen diese Entwicklung noch. Vieles, was einmal sicher schien, ist es nicht mehr.

Innere Haltung von innen verändern – Gib dem Kopf eine Aufgabe …

Meine innere Haltung bestimmt sich aus meinen beiden wichtigsten Werten Selbstverantwortung und Selbstbestimmung. Meine Haltung stärke ich aus Ritualen wie zum Beispiel einem ersten Kaffee morgens in Ruhe, Zeit und Raum für Meditation, Zeit zum Laufen, Schreiben. Habe ich davon mindestens eine Stunde am Tag, bin ich ausgeglichen. Dann kann ich gut in Kontakt gehen. Sehe ich diese Werte und Rituale in Gefahr, fühle ich mich schnell haltlos. Dann werde ich nervös, zickig und bin weder eine angenehme Gesprächspartnerin, eine gute Gastgeberin, geschweige denn ein guter Coach. 16 Tage schlechte Laune sind keine Option für mich. Was also tun?

Mir wird klar, dass ich mich zu allererst erinnere, dass ich für mich und meine Stimmung verantwortlich bin. Keiner sonst. Auch wenn die äußeren Bedingungen vermeintlich blöd sind (auf einem extrem hohen Niveau … ich weiß), liegt es an mir. Ich habe die Wahl.

Darüber hinaus beherzige ich den zweiten allgemeinen Faktor einer guten Haltung: Ich öffne mich, nehme die Maske ab und erzähle von meinen Ängsten, Beklemmungsgefühlen und meinen Bedürfnissen. Zum Teil nehme ich mich dabei auch selbst auf die Schippe. Das erleichtert nicht nur mich und schafft Transparenz für mein Umfeld.

Mit diesen beiden Dingen arbeite ich von Innen. Übergeordnet gebe ich mir selbst eine Aufgabe. Ich sehe die intensive Familienzeit als Haltungs-Trainingslager an. Ich stelle mir die Frage:

Wie bleibe ich so gut wie möglich bei mir in einer guten inneren Haltung?

Denn hey, unser Kopf mag Probleme, mit denen er sich beschäftigen kann. Also gebe ich ihm eine konstruktive Aufgabe.

Innere Haltung von außen verändern – … und übe äußerlich/körperlich mit dem Lizard

Doch entscheidender als die Arbeit mit dem Kopf wird für mich eine körperliche Übung. Mehrmals am Tag richte ich mich mit der Einatmung auf, mache mich groß, ziehe die Schultern zurück. Beim Ausatmen erde ich mich. Mit einem zweiten Atemzug fühle ich weiter in meinen Körper hinein und frage mich: Wie fühlt es sich an, wenn ich einen kleinen Teil freudiger, gelassener oder entspannter wäre? Und dann spüre ich es. Dies dauert alles nur ein paar Sekunden. Es sind kleinste Schritte. Immer wieder.

Diese Übung geht auf Wendy Palmer zurück. Sie ist eine Expertin auf dem Gebiet des „Leadership Embodiment“, also die Verkörperung von Führung. Für sie hat der Körper immer recht. Der Körper bzw. die körperliche Haltung ist die Abkürzung zu einer Veränderung der inneren Haltung. Wenn wir körperlich entspannt, souverän und aufrecht sind, können wir uns innerlich nicht gestresst fühlen und sind ebenfalls mental sowie emotional aufrecht und souverän. Das Video von Wendy hat mich sehr inspiriert, mich mit dem Thema zu beschäftigen und auch ihr Buch dazu zu lesen und anzuwenden: 

Was hat das jetzt mit dem Lizard, mit der Eidechse zu tun? Wendy beschreibt, dass es wirkungsvoller ist, oft und regelmäßig kleine Übungen durchzuführen – wie ein „Lizard-Push-Up“, eine Eidechsen-Liegestütz – statt einer halben oder ganzen Stunde am Stück. Denn diese Lizard-Push-Ups gehen immer, auch wenn wir uns in einer Diskussion, bei einem Telefonat unwohl fühlen. Natürlich wirkt es auch präventiv, wenn wir uns gut fühlen.

So wurden diese kleinen körperlichen Push-Ups mein Ritual: beim Kaffee zubereiten, Kochen, Spazierengehen, Monopoly-Spielen, essen, diskutieren. Und sie sind es jetzt immer noch – am Schreibtisch, in Zoom-Konferenzen, beim Schreiben.

Persönliches Fazit

Die 16 Tage gingen schnell vorbei – mit vielen guten Gesprächen und einer wichtigen Erkenntnis für mich. Diese kam irgendwann beim Laufen:

Das, was ich im Außen so sehr suche, sollte ich vielmehr in mir finden. 

Es geht für mich darum, die Ruhe mehr in mir zu finden und nicht im Außen. Ruhe im Außen ist gut und schön – doch sie kann meine innere Ruhe nicht ersetzen. Habe ich jedoch eine grundsätzliche innere Ruhe, kann es um mich herum noch so turbulent sein – es ist mir egal. Ich brauche die äußere Ruhe nicht mehr so sehr. 

Und so bedanke ich mich im neuen Jahr bei unseren Intensiv-Gästen für diese besondere Erfahrung. Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

Fazit für den (Selbst-)Führungsalltag

Es gibt ein Zitat von William O’Brien, ehemaliger CEO von Hanover Insurance Company, welches mich in 2020 in den Weiterbildungen zur Theorie U Facilitatorin sehr inspiriert und beschäftigt hat:

„Der Erfolg einer Intervention hängt von der inneren Verfasstheit des Intervenierenden ab.“ 

Oder wie es Christine Wank, meine Facilitatorin und Trainerin in diesen Weiterbildungen zusammenfasste:

"Jeder ist selbst sein wichtigstes Instrument."

Die persönliche innere Verfasstheit, der innere Zustand, die innere Haltung in einer Situation macht den Unterschied. Das ist schnell gesagt und kognitiv verstanden. Zum Beispiel im Sinne von „Ja klar, ich muss schon überzeugt von etwas sein, damit ich es gut vertreten kann.“ Die innere Verfassung geht darüber hinaus. Bist du für dich zufrieden und gut mit dir in Kontakt, bist du wirksamer und auch offener. Es werden andere, bessere Dinge möglich. So richtig gespürt und nachhaltiger verstanden habe ich dies erst in dieser verrückten Weihnachtszeit. Es ist nun mal ein längerer Prozess. 

Wenn Du magst, fang jetzt an und frage Dich:

  • Wann warst du zuletzt im Joballtag in einem guten inneren Zustand? Woran hast du das gemerkt, gespürt?
  • … Wie hast du dich dabei gefühlt – wie fühlte sich das körperlich, mental und emotional an?
  • … wie hast du die Zusammenarbeit oder auch die Aufgabe wahrgenommen, was wurde durch diesen guten inneren Zustand möglich?

Sorge gut für dich, stimme dich mit dir selbst ein. Nimm dir ein oder zwei Lizard-Push-Ups Zeit bevor du in den Tag gehst, in ein Gespräch gehst. Spüre den Unterschied. Hab Spaß kleiner Lizard!


... Herzlichen Dank für Dein Interesse, Deine Zeit zum Lesen. Ich hoffe und wünsche mir, dass ein Impuls oder auch nur ein kleiner Gedanke für Dich wertvoll ist. Dann hat sich meine Arbeit gelohnt. In diesen Blogpost stecken viele Erfahrungen, Wissen und circa zehn Stunden Schreib-Arbeit. Deshalb freue ich mich auch sehr über jede Form der konstruktiven Resonanz: Feedback, Anmerkungen, ein Teilen in den sozialen Netzwerken wie zum Beispiel LinkedIn oder Xing. Und natürlich bin ich auch käuflich für Vorträge oder Teamcoachings. Danke!


Quellen, Inspirationsquellen und weitere Vertiefungen

Die Grundzüge der inneren Haltung stammen aus meinem neuesten Buch „Lieben. Laufen. Leben. Eine gute Haltung finden – im Arbeitsleben und beim Marathon“. In diesem Buch findest Du noch mehr Gedanken und Prinzipien zum Thema „gute Haltung“ und meine ganz persönliche Geschichte. 

Die Lizard-Push-Ups sind eine schnelle Erinnerung und Methode für den Alltag. Sie sind für mich die perfekte Ergänzung zu einer intensiven Coaching-Session im Sommer 2020, in der ich meine innere Haltung und meine Intention sehr nachhaltig auf den Punkt brachte. Mit einer guten Verbindung zu meiner inneren Haltung bin ich auch in schwierigen Situation schneller wieder stabil. Denn es ist völlig normal, nicht 24/7 in der eigenen Mitte und im Zen-Modus zu sein. 

Du möchtest deine innere Haltung wirklich verinnerlichen und sowohl kognitiv, emotional und körperlich verankern? Dann gönn Dir eine Coaching-Session mit mir dazu. Nimm dazu jetzt mit mir Kontakt auf. 

Foto: pixabay

und last but not least: Meine Erfahrungen haben mich sehr an "Das Gasthaus" von Rumi erinnert: 

Dieses menschliche Dasein ist ein Gasthaus. Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Depression und Niedertracht – auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit kommt unverhofft als Besucher.
Begrüsse und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar Sorgen ist,
die gewaltsam Dein Haus
seiner Möbel entledigt,
selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll. Vielleicht reinigt er Dich ja
für neue Wonnen.
Dem dunklen Gedanken der Scham und Bosheit - begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu Dir ein.
Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu deiner Führung geschickt worden aus einer andern Welt.



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